Waldorfschüler erreichen im Durchschnitt eine deutlich höhere Abiturquote als Schüler im staatlichen Regelschulsystem, allerdings muss dieser Wert im Kontext der soziodemografischen Zusammensetzung der Elternhäuser betrachtet werden. Während im staatlichen Gesamtsystem (inklusive Haupt-, Realschulen und Gymnasien) die Quote der allgemeinen Hochschulreife niedriger liegt, verlässt rund die Hälfte aller Waldorfschüler die Schule mit dem Abitur. [1, 2] Die wichtigsten statistischen Kennzahlen und strukturellen Unterschiede im direkten Vergleich:
| Kriterium / Abschluss | Freie Waldorfschulen | Staatliches Schulsystem (Gesamt) |
|---|---|---|
| Allgemeine Hochschulreife (Abitur) | ca. 49 % – 50 % | ca. 24 % – 34 % (je nach Bundesland & Jahr) |
| Fachhochschulreife | ca. 6 % – 8 % | ca. 8 % – 11 % |
| Mittlerer Schulabschluss (Realschule) | ca. 33 % – 34 % | ca. 30 % – 40 % |
| Hauptschulabschluss | ca. 6 % – 7 % | ca. 10 % – 15 % |
| Notendurchschnitt | Oft im oberen Drittel | Durchschnittlicher Referenzwert |
Die überdurchschnittlich hohe Erfolgsquote an Waldorfschulen hat mehrere strukturelle und soziale Ursachen, die in empirischen Studien (u.a. der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – siehe unten) untersucht wurden: [1]
Keine Selektion durch Selektionsdruck: Das Waldorfkonzept sieht standardmäßig eine 12-jährige Schulzeit im festen Klassenverband vor. Es gibt kein frühzeitiges „Aussieben“ nach der 4. Klasse und kein Sitzenbleiben. Jugendliche, die im staatlichen System frühzeitig auf eine Real- oder Hauptschule geleitet worden wären, erhalten an der Waldorfschule die Zeit, sich zu entwickeln, und streben im anschließenden 13. Schuljahr das Abitur an. [1, 2, 3]
Sozioökonomischer Status (Klientel): Waldorfschulen sind Schulen in freier Trägerschaft. Auch wenn das Schulgeld oft einkommensabhängig gestaffelt ist, stammen die Schüler mehrheitlich aus überdurchschnittlich bildungsnahen und wirtschaftlich gut situierten Elternhäusern. Der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund liegt im Waldorf-System bei nur ca. 4 % (im Vergleich zu rund 30 % im staatlichen Durchschnitt). Diese soziale Zusammensetzung korreliert in Deutschland generell stark mit höheren Abschlussquoten. [1, 2, 3, 4, 5]
Hoher Einsatz von Nachhilfe: Studien zeigen, dass rund 38 % aller Waldorfschüler in der Phase der Abiturvorbereitung private Nachhilfe in Anspruch nehmen. Da Waldorfschüler bis zur 11. oder 12. Klasse meist ohne klassische Noten und staatliche Lehrpläne unterrichtet werden, erfordert der Wechsel auf das streng reglementierte Zentralabitur in der 13. Klasse eine enorme und oft extern unterstützte Lernleistung. [1, 2, 3]
Waldorfschüler legen ihr Abitur fast immer als Zentralabitur oder externe Prüfung ab. Das bedeutet: Die schriftlichen und mündlichen Prüfungen werden nach exakt denselben staatlichen Richtlinien und Aufgabenstellungen des jeweiligen Bundeslandes bewertet wie an staatlichen Gymnasien. Der Abschluss ist folglich zu 100 % gleichwertig und staatlich voll anerkannt. [1, 2]
Durchführung: Prof. Dr. Heiner Barz und Prof. Dr. Dirk Randoll, Alanus Hochschule Alfter/Bonn
Projektförderung: Software AG Stiftung, Darmstadt; Alanus Hochschule, Alfter
Laufzeit: 08/2003 – 01/2007
Die Waldorfpädagogik gilt als weithin anerkannte Alternative zur staatlichen Regelschule. Konzeption und Methoden sind inzwischen breit dokumentiert und auch wissenschaftlich durchleuchtet. Studien über die konkrete Schulwirklichkeit fehlten allerdings bislang genauso wie Forschungen zur Wirksamkeit der Pädagogik Steiners. Gerade dies aber ist ein Charakteristikum der Waldorfpädagogik: Sie beansprucht nachhaltige Wirkungen im Blick auf eine gelingende Lebensgestaltung. Von der Freude am beruflichen Engagement, über Verantwortungsbewusstsein für Gesellschaft und Umwelt bis hin zu positiven Einflüssen auf Lebensführung und Gesundheit im Alter reichen die Wirkungserwartungen. Der nun vorgelegte Forschungsbericht versucht sich an einer Antwort auf die Frage, inwieweit sich Indizien für die Einlösung derartiger Erwartungen finden lassen. Weiter will er einen Beitrag leisten zur Weiterentwicklung der Waldorfschulen, indem er Stärken und Schwächen dieses reformpädagogischen Modells aus der Perspektive der Ehemaligen beleuchtet. Dass Konsequenzen aus den berichteten Befunden in Lehrerkollegien und Dachverbänden der Waldorfpädagogik erst noch gründlich erwogen und ergebnisoffen diskutiert werden müssen, sollte sich von selbst verstehen.
Die Studie wurde durchgeführt unter Leitung von Prof. Barz, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, und Prof. Randoll, Alanus Hochschule Alfter. Die Untersuchung basiert auf eingehenden Befragungen von ehemaligen Waldorfschülern aus drei Alterskohorten. Die Herausgeber analysieren die konkreten Erfahrungen der Ehemaligen mit der Waldorfpädagogik. Für die Interpretation und Diskussion der Spätfolgen, der Nach- und Nebenwirkungen des Waldorfschulbesuchs in verschiedenen Lebensbereichen konnten namhafte Experten gewonnen werden. Analysiert werden Berufskarrieren, Lebensorientierungen, Religion, Gesundheit.
Das Buch „Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung“ ist zum Preis von 32,90 € im Buchhandel, direkt beim VS Verlag oder auch bei Thalia.de zu beziehen