Presseschau - Warum die Schule das Lügen lehren muss

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Von Janosch Niebuhr 

Es wird ja gern und häufig über die Schulen geklagt. Was so alles fehlt. Warum es unbedingt mehr Wirtschaftsunterricht geben muss und viel mehr Computer und Praxisrelevanz (z.B. Infos über Mietverträge, Versicherungen etc.) oder ein Schulfach „Gesunde Ernährung“. Das ist natürlich alles Quatsch. Ich finde, die Schulen machen schon vieles richtig und sind vielleicht die letzte Bastion gegen eine verdummende Erwachsenenwelt. Es gibt nur eine einzige Sache, die wirklich fehlt, ein absolut notwendiges Pflichtfach – aber ich habe noch keinen griffigen Namen dafür. Vielleicht „zynischer Realismus“ oder „RhetLo“ (Abkürzung für Rhetorik und Logik) oder „Manipulations-Forensik“. Ein Fach jedenfalls, das unsere Kinder befähigt, Lügen, Fehlschlüsse und Propaganda zu erkennen. Online wie offline.

Bisher werden die notwendigen Qualifikationen dafür meist noch en passant in anderen Fächern wie Mathematik, Deutsch, Politik, Geschichte, Religion oder Philosophie vermittelt. Aber das reicht nicht mehr. (Vielleicht hat es nie gereicht, aber seit jeder mit Internetanschluss zum Welterklärer werden kann und Algorithmen Konsumenten und Wähler für Kampagnen sortieren, können wir es uns nicht mehr leisten, das kritische Denken dem Zufall zu überlassen. Auch Medienscouts oder Social-Media-Workshops sind keine Antwort, genauso wenig wie „Content“-Empfehlungen oder -Filter. Kritisch denken kann man nicht delegieren.)

So ein Pflichtfach „Lügen in Theorie und Praxis“ (oder so ähnlich) braucht es auch deshalb, weil die Erwachsenenwelt inzwischen die Kunst der Manipulation bekanntermaßen perfektioniert hat, ja es ihr geradezu egal ist, wenn sie dabei ertappt wird. (Der amerikanische Präsident ist dabei nur das schillerndste und offenkundigste Beispiel). Erschwerend kommt hinzu, dass sich ausgerechnet die mit der größten Manipulations-Agenda als verfolgte Aufklärer gegen „das System“ gerieren. (So untergraben die größten Lügner mit dem Vorwurf der Lüge das Vertrauen in Institutionen und Abläufe und wissenschaftliche Ergebnisse.) Hochgerüstet ist diese Lügenwelt, in die wir unsere Kinder irgendwann entlassen müssen, und immer genauer treffen ihre Giftpfeile. Aber was wird in den Schulen unterrichtet? Üb immer Treu und Redlichkeit und so weiter. Wir impfen den Kindern in Schule (und gelegentlich zuhause) immer noch den naiven Glauben ein, dass die Wahrheit siegt, die besseren Argumente überzeugen, Fakten eben Fakten sind und Ignoranz und Egoismus keine Führungsqualitäten.

Heißt das, die Kinder auf das Leben vorzubereiten? Wir senden die Kinder wie Schafe unter die Wölfe. Es wird Zeit, dass man sie zur Vorbereitung auch klug macht wie die Schlangen. (Notfalls ergänzt durch ein „ohne Falsch wie die Tauben“).

Wie also könnte ein eigenes Fach gegen die manipulative Verdummung aussehen, wie die Vorbereitung auf künftige Auseinandersetzungen? Ein Mitschüler meiner Tochter hat mir kürzlich dazu eine Steilvorlage geliefert. Es hatte offensichtlich Streit in der Klasse gegeben und bei der Aussprache darüber fielen dann angeblich diese goldenen Worte: „Bist du behindert? Ich beleidige doch niemand!“ Was der Schüler nicht ahnen konnte: Er hat mit seinen Worten ein Motiv der gegenwärtigen Diskurskultur der Erwachsenen reproduziert – den Kampf um die Empörungshoheit. Wenn du mir sagst, dass ich etwas falsch mache oder ändern soll, rege ich mich solange auf, bis alle einsehen, dass du das Problem bist. (Ich weiß nicht, wie die Sache ausgegangen ist, aber ich hoffe sehr, dass die Klassenlehrerin die Gelegenheit genutzt und außerdem das rhetorische Stilmittel des Oxymorons vorgestellt hat. Und nicht empört den Schüler ermahnt hat. Im ersten Fall hätten alle was davon. Und der Urheber der goldenen Worte hätte einen echten Schritt zur Selbsterkenntnis tun können und müsste nicht später als Erwachsener online oder offline herumpöbeln, ohne es zu merken.)

Tatsächlich kann man die alltäglichen Auseinandersetzungen im Schulalltag oder zuhause auch hervorragend als Einstieg für die Aufklärung über logische Fehlschlüsse und Scheinargumente heranziehen. Klassiker sind dafür „Du hast das aber auch gemacht“ (Tu-quoque-Argument) oder „Wenn ich tatsächlich mein Zimmer aufräumen muss, dann habe ich überhaupt keine Zeit mehr für meine Freunde“ (Falsches-Dilemma-Argument).

In der Schule kann (und sollte) das alles noch spielerisch kennengelernt werden. Das ist der große Vorteil. Es gibt aber ein Problem vor und nach der Schule: Die Kinder haben in der Regel draußen in der echten Welt keine Vorbilder, die sich kritisch mit der Gegenwart oder gar mit dem eigenen Denken und Handeln auseinandersetzen. Die Eltern sind viel zu beschäftigt. Und die meisten anderen Erwachsenen verfolgen auch nur ihre Partikularinteressen („Mondays for Economy“, günstige Mallorca-Flüge, schönes Steak für den Weber-Grill) und wollen sich dabei bitte nicht stören lassen.

Besonders auffällig wird das, wenn Kinder und Jugendliche es wagen, ein Schnupperpraktikum in Sachen Aufklärung und Gegenaufklärung zu machen, wie jüngst mit den „Fridays for Future“-Schülerprotesten. Kritiker halten das dann schlicht für Unterrichtsverweigerung – das Gegenteil ist der Fall. Hier lernen die Kinder in kompakter Form, was Argumente und was Scheinargumente sind. Und sie müssen erkennen, dass – anders als in der Schule immer behauptet – vor allem die Scheinargumente in der Erwachsenenwelt zählen. Statt sich inhaltlich mit den Forderungen der streikenden Schülerinnen und Schüler zu beschäftigen – schließlich wäre das ja tatsächlich ziemlich wichtig, wenn all die sie unterstützenden Wissenschaftler nicht ganz falsch liegen –, wird in den Rhetorik-Giftschrank gegriffen („krankes Kind“, „instrumentalisiert“, „naiv“ etc.) oder, wenn‘s denn sein muss, kurzzeitig die Umarmung geübt. In der Hoffnung, dass die unliebsame Diskussion bald vorbei ist, die Kinder sich in der Schule auch freitags wieder auf den Arbeitsmarkt vorbereiten lassen und alles so bleiben kann wie bisher.

Natürlich weiß jeder: Auch Fridays for Future wird bald die Luft ausgehen. (Ich tippe auf die Sommerferien.) Aber: Eine Schule, die unsere Kinder wirklich auf das echte Leben vorbereiten will, sollte ihnen erklären, was da passiert beim Umgang mit den Schülerprotesten. Mit welchen manipulativen Tricks auf die sehr geradlinigen Forderungen geantwortet wird. Sie muss Sie das Lügen und Manipulieren lehren, ohne sie zu Lügnern und Manipulierern zu machen.

Quelle: faz.net | 16.05.2019

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