Presseschau - Steiner Schule: Neues Konzept soll Geldmangel beheben

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Seit Jahren sind die Finanzen in der Steiner Schule Wil ein wiederkehrendes Thema. So auch diesen Sommer. Wenn bis nach den Ferien nicht genügend Schüler gefunden werden, droht der Schule das Aus. Mit einem neuen Konzept sagen nun drei Lehrer der Schließung den Kampf an.

Steiner Schullehrerin Alina Glass und Arbeitsagoge Günter Richter sind allen Widrigkeiten zum Trotz positiv eingestellt. Sie sind überzeugt, dass sie mit ihrem neuen Konzept den Erhalt der Steiner Schule Wil sichern können. 

Wil Man müsste meinen, die Stimmung bei Kindergärtnerin Alina Glass und Waldorflehrer Günter Richter müsste im Keller sein. Vor zwei Monaten hatte der Vorstand des Vereins Rudolf Steiner Schule Wil in Rücksprache mit Eltern und Lehrerschaft beschlossen, das Schulangebot stark zu reduzieren. Der Grund: das Geld. Oder vielmehr dessen Mangel. Doch Glass und Richter sind trotzdem frohen Mutes. Wieso? Weil die Umstrukturierung für sie auch einen Neuanfang bedeutet.

Zu wenig Kinder, zu wenig Geld

Bereits vor zwei Jahren hatte die Schule mit finanziellen Problemen zu kämpfen (WN vom 18. Mai 2017: «Die Rudolf Steiner Schule Wil braucht Schüler und Geld»). Eine neue Organisation und tatkräftige Mitarbeit von Lehrern und Eltern brachten die Wende. Doch gereicht hat es nicht. Die Schülerzahl erreichte nie die nötige Mindestmarke von 30 bis 32 Kindern, um die Schule längerfristig finanziell tragbar zu machen. Die Folge wäre gewesen, die Elternbeiträge kontinuierlich zu erhöhen. «Das war für die Eltern einfach eine zu hohe Belastung», erklärt Glass. Zumal diese in den letzten Jahren nebst dem Geld auch viel Zeit und Energie in den Wiederaufbau der Schule investiert hätten. «Und das alles ehrenamtlich», ergänzt Richter. «Viele von ihnen entschieden sich deshalb schweren Herzens ihre Kinder im nächsten Schuljahr auf umliegende Steiner Schulen zu schicken», so Glass. Denn die pädagogische Ausrichtung der Schule sei nie Thema gewesen. Diese sei seit vierzig Jahren in Wil erfolgreich. Mit der Verschlankung liegt das Hauptaugenmerk neu auf dem Kindergarten. 

Kindergarten bleibt bestehen

Für Glass und Richter ist klar: Noch darf der Standort Wil nicht aufgegeben werden. Denn die vier Häuser auf dem Schulareal gehören der Stiftung Steiner Schule Wil und können nur so lange in deren Besitz bleiben, wie dort auch Steinerscher Unterricht stattfindet. «Wir müssen uns nichts vormachen, wenn wir jetzt aufgeben, wird es in Wil nie mehr eine Steiner Schule geben», sagt Glass. Das wäre ein Verlust für die Wiler Schullandschaft sind sich beide Lehrer sicher. «Es sind viele Schüler in dieser Schule gewesen und viele von ihnen haben einen erfolgreichen Abschluss absolviert», so Glass. Sie wird deshalb den Steiner Kindergarten und die Spielgruppe auch nach den Sommerferien weiterführen. Um die Betriebsbewilligung vom Erziehungsdepartement zu erhalten, braucht sie sechs Kindergartenkinder. Für die Spielgruppe ist keine Bewilligung notwendig. Derzeit hat Glass zwei Anmeldungen. Und sie ist sicher: Es werden noch weitere Anmeldungen kommen. Ihr Ziel ist es, aus dem Kindergartennachwuchs heraus in zwei Jahren wieder eine erste Klasse aufbauen zu können. Was nicht heißt, dass der Schulbetrieb bis dahin brachliegen muss.

Neues Angebot schaffen

Günter Richter hat nämlich ein eigenes Projekt im Sinn, das er auf dem Areal umsetzen möchte. Der langjährige Arbeitspädagoge will ein Berufsvorbereitungsjahr, analog dem 10. Schuljahr, anbieten. Den Markt hierfür sieht er als erwiesen an. «Den Jugendlichen heute fehlt immer mehr der Bezug zur realen Arbeitswelt.» Dem will er mit seinem Angebot entgegenwirken. Die konkrete Ausgestaltung des Programms wird in den kommenden Wochen stattfinden. Theoretisch wäre es auch möglich, dieses Angebot für jüngere, noch schulpflichtige Kinder zu öffnen. In diesem Fall gälte aber dieselbe Regelung wie für den Kindergarten: Es müssten sechs Schüler sein. Denn bei noch schulpflichtigen Kindern braucht es ebenfalls eine Bewilligung des Erziehungsdepartements. 

Mieter gesucht

Bei ihrem Vorhaben unterstützt werden die beiden von Lehrerin und Pädagogin Barblin Wirz. Sie wird nach den Sommerferien an drei Halbtagen Förderunterricht anbieten und später im Berufsvorbereitungsjahr mitwirken. Damit der Rettungsversuch jedoch überhaupt fruchten kann, müssen zwei der vier Häuser – jene gegen die Säntis-strasse – vermietet werden. Die Inserate sind bereits online. «Wir dachten an Vereine, Gewerbe, Praxis oder Ateliers», sagt Glass. Gerade für Künstler seien die Räume auch wegen des Lichts prädestiniert. Die beiden Häuser werden im Ist-Zustand übergeben. «Für einen Umbau fehlt uns schlicht das Geld», erklärt die Kindergartenlehrerin. 

Quelle: wiler-nachrichten.ch | 04.07.2019

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