Presseschau - Schulreform: Abschied vom Klassenzimmer

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von Anina Pommerenke

Alle Schüler sitzen an einem Tisch und schauen nach vorne zum Lehrer und zur Tafel. So haben die meisten von uns vermutlich einen Großteil ihrer Schulzeit erlebt. Ist das im 21. Jahrhundert tatsächlich noch zeitgemäßer Unterricht? Das Bondenwald Gymnasium in Hamburg-Niendorf schafft nun mit einem Neubau eine ganz andere Lernumgebung, in der Klassenzimmer - wie wir sie kennen - nach und nach an Bedeutung verlieren.

Nicht jeder Mensch lernt auf die gleiche Art am besten. 

Aus ihrem Büro schaut Schulleiterin Sabine Güldenpfennig zurzeit noch auf eine große planierte Acker-Fläche mit einem Bauzaun drum herum. Schon im nächsten Jahr nach den Sommerferien sollen hier zwei dreistöckige Gebäude stehen, die den Schülerinnen und Schülern ab Klasse 7 einen anderen Zugang zum Lernen ermöglichen sollen.

"Das Besondere an diesen Räumlichkeiten ist, dass wir verstanden haben, dass die Menschen nicht gleich sind, sondern unterschiedlich und deswegen auch unterschiedliche Lernzugänge haben", meint Güldenpfennig.

Einzelarbeitsplätze statt Klassenzimmer

An einer Kork-Pinnwand in ihrem Büro hängen die Pläne für die Neubauten: Je älter die Schüler werden, desto weniger wird ihre Umgebung an ein Klassenzimmer erinnern. Stattdessen entstehen sogenannte Lernlandschaften. Mit einem Selbstlernzentrum, einem Auditorium und Einzelarbeitsplätzen in einer Lesegalerie erinnern sie eher an Universitäts-Bibliotheken als an Schule.

"Wenn lernen immer nur dann funktioniert, weil ein Lehrer daneben steht und sagt: jetzt musst du aber, dann ist das weit von dem entfernt, was das Gehirn eigentlich möchte", sagt die Schulleiterin.

Statt Klassenzimmer soll es im Neubau Lernlandschaften geben. 

Der Unterricht könnte dann etwa so aussehen: in dem Auditorium erhalten die Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs Input von einem Lehrer oder einem Mitschüler. Dann verteilen sie sich in der Lernlandschaft, arbeiten alleine oder in Gruppen weiter.

Mehr Eigenverantwortung beim Lernen

"Sicherlich wird es Schüler geben, die am ersten Tag erst mal denken: 'ach der Lehrer der kontrolliert mich jetzt gar nicht die ganze Zeit zu hundert Prozent'. Wenn den Schülern mit der Zeit klar wird, dass man so lernen kann, ist das etwas, was gut funktioniert kann", bemerkt der stellvertretende Schulleiter Hans-Christian Dahlmann.

Die Professorin für Pädagogische Psychologie Claudia Mähler hält das für zeitgemäß. An der Universität Hildesheim bietet sie Fortbildungen zum Thema an, wie gutes Klassenklima entstehen kann. "Unsere Gesellschaft hat sich viel mehr in die Richtung entwickelt, dass Autonomie und Eigenverantwortlichkeit wichtig sind um im Leben erfolgreich zu sein. Und ältere Schüler kann man in dieser Weise dann auch unterstützen", stellt die Psychologin fest.

Wer profitiert davon?

Ob davon nur die leistungsstarken oder doch eher schwächere Schülerinnen und Schüler profitieren werden, ist schwer zu sagen. Die Chancen der neuen Räumlichkeiten sieht Mähler darin, unterschiedliche Bedürfnisse etwa durch das Arbeiten in Kleingruppen oder Tandems abzudecken. Genau das sei im herkömmlichen Klassenverband eher nicht angedacht. Es sei ganz besonders wichtig, wenn man in diesen veränderten Räumlichkeiten und entsprechend veränderten Lernorten arbeite, die Kinder besonders im Blick zu haben. Es entbinde den Lehrer oder die Lehrerin nicht davon zu wissen, wo die Kinder stünden und mit den Schülerinnen und Schülern in Kontakt zu sein. 

Kompetenzen statt Inhalte

Wie genau der Unterricht oder Leistungsabfragen ab dem nächsten Jahr aussehen werden, sei noch nicht abschließend geklärt, stellt Schulleiterin Güldenpfennig fest. Doch eines liegt ihr am Herzen: In der Komplexität des Informationszeitalters findet sie es wichtiger, Kompetenzen zu vermitteln als Inhalte. Und das sei keine revolutionäre Idee: "Letztlich geht es doch beim Lernen oder Lehren irgendwann darum, sich überflüssig zu machen, sodass die Schülerinnen und Schüler, die wir begleiten, so viel Kompetenzen erwerben, dass sie dann in der Lage sind, sich Sachverhalte selbst zu erschließen. Und das muss man frühzeitig anleiten. Wie offen das am Ende wird, da sind wir noch in einem Prozess und noch nicht zu Ende. Aber das Raumkonzept bietet auf jeden Fall alle Optionen".

Quelle: NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 19.02.2019 |

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